Ein Hypertext ist ein
Textdokument mit elektronischen Querverweisen auf andere Text- oder
Informationsquellen. Das Internet weist in seinem multimedialen Teil, dem
World Wide Web (WWW), eine hypertextuelle Dokumentenstruktur auf.
Wenn man auf einer
beliebigen Startseite des World Wide Web mit dem Mauszeiger auf einen
(meist blau) gekennzeichneten Begriff (oder auf eine Begriffsgruppe)
klickt, gelangt man über diesen elektronischen Querverweis (den Hyperlink)
zu einem anderen Internetdokument, auf dem weitere Informationen zu diesem
Begriff (bzw. zu dieser Begriffsgruppe) zu finden sind. Von diesem
Internetdokument führen oft weitere Hyperlinks zu anderen
Internetdokumenten, so dass sich die Struktur eines Netzes ergibt (siehe
Internet), das zu einer individuellen Informationssuche einlädt.
Man kann allerdings auch
einen Hypertext produzieren und lesen, ohne ihn ins World Wide Web stellen
zu müssen.
Um detailliert zu
veranschaulichen, was ein Hypertext ist und wie er zustande kommt, bietet
es sich an, die Entstehung des Hypertext-Projekts
"It Happened on a Winter's Day" zu schildern.
Ausgehend von John Nists
Gedicht
"Revolution: The
Vicious Circle" schrieben die Schülerinnen und Schüler meines
Englischkurses die Geschichte
"It Happened on a
Winter’s Day", die sie in die Zeit der Februarrevolution 1917 in St.
Petersburg legten.
Als Vorarbeit dazu
mussten sich die Schüler eine Reihe von Informationen beschaffen. So
beschäftigten sie sich mit der Geschichte Russlands zu Beginn des 20.
Jahrhunderts (The
historical background), sie benötigten geographische Kenntnisse über
die Stadt St. Petersburg (z.B. Nevsky Prospect) und ihre Umgebung (z.B.
The Vyborg District), sie studierten die politischen Verhältnisse jener
Zeit (z.B. Bolshevism), sie beschafften sich Informationen über die
Personen der Zeitgeschichte, die sie in ihrer Geschichte agieren ließen
(z.B. General Chabalov), sie mussten die Biographien, Charakterzüge und
Aussehen der Hauptcharaktere der Geschichte entwerfen (z.B. Mikhail
Alexandrovich Rostov) und schließlich informierten sie sich auch über
landeskundliche Aspekte (z.B. Blini).
Nach der Beschaffung
dieser Informationen und nach der Erarbeitung der inhaltlichen Struktur
der Geschichte konnte die eigentliche Arbeit an der Textproduktion
beginnen. Am Ende dieses Prozesses stand unsere Geschichte, die
eingebettet war in ein Netzwerk von Informationen, es entstand ein
Hypertext. Dieser Hypertext spiegelt den Arbeitsprozess in umgekehrter
Form wieder, indem von der Geschichte aus auf die vielfältigen
Sachaspekte, die zu ihrem Verständnis notwendig sind, verwiesen wird.
Die Erarbeitung eines
Hypertextes kann sich in vielfältiger Form positiv auf den Lernprozess
auswirken.
So weist Birgit Conrad in
ihrer bemerkenswerten Arbeit "Hypertext&Unterricht" darauf hin, dass die
Erstellung von Hypertexten durch Lernende dazu beitragen kann, dass ihnen
"wesentliche Aspekte eines Lerngegenstandes in ihren vielschichtigen
Verflechtungen und Zuordnungen deutlich werden" (http://www.englisch.schule.de/hyper/begriff/hypertext.htm).
Dies bedeutet, dass sich
dem Lernenden dadurch die inhaltliche Struktur und Systematik eines
Lerngegenstandes in besonderer Weise erschließen kann, d.h. die
Erarbeitung eines Hypertextes als Form vernetzten Lernens (vgl. Reinhard
Donath (Hrsg.), Andreas Borrmann/Rainer Gerdzen: Vernetzes Lernen –
Hypertexte, Homepages & ... . Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1998, S. 4)
kann ein Lernort für die Entwicklung vernetzten Denkens sein.
Die Erstellung eines
Hypertextes vereinigt in idealer Weise wissenschaftspropädeutisches
Arbeiten mit Handlungsorientierung. Das bei der Informationsbeschaffung
notwendige Quellenstudium und das Prüfen der Authentizität und Validität
von Informationen sind nur zwei Aspekte wissenschaftsorientierter
Beschäftigung, die selbständige Verarbeitung der gewonnenen Informationen
und die anschließende Textproduktion Elemente handlungspropädeutischen
Arbeitens.
Die Erstellung eines
Hypertextes erfordert zu gleichen Teilen analytisches und integratives
Denken und kann diese kognitiven Fähigkeiten fördern. Der Lernende muss
einen Lerngegenstand in seine Einzelaspekte zerlegen, sie gleichsam
‘sezieren’, und diese Einzelaspekte inhaltlich erarbeiten (Analyse), um
sie dann wieder zusammenzufügen, indem er sie in einem systematischen
Beziehungsgeflecht anordnet und darstellt (Integration).
Darüber hinaus zwingt die
Arbeit an einem Hypertext-Projekt die Schüler geradezu zu kooperativem
Handeln und kann so zur Förderung von Teamfähigkeit führen. Die
beteiligten Arbeitsgruppen müssen Absprachen treffen, sie können
allerdings auch von der Arbeit der anderen Arbeitsgruppen profitieren,
deren Arbeit aber gleichzeitig selbst auch bereichern.
Gerade im
Fremdsprachenunterricht können Hypertext-Projekte vielfältige Anlässe für
wirkliches Sprachhandeln bieten, indem der Lernende ‘aus eigenem Antrieb’
und mit einem von ihm mit definierten Ziel fremdsprachliche Texte
verarbeitet und seinerseits selbst produziert.
Hypertext-Projekte können
aber auch sinnvolle Anlässe für fächerübergreifendes Arbeiten darstellen,
da sie in der Regel die Grenzen eines Faches überschreiten und die
Beschäftigung mit Fragestellungen anderer Fächer erfordern.