Was ist ein Hypertext?

Kurt Ludwigs 

Ein Hypertext ist ein Textdokument mit elektronischen Querverweisen auf andere Text- oder Informationsquellen. Das Internet weist in seinem multimedialen Teil, dem World Wide Web (WWW), eine hypertextuelle Dokumentenstruktur auf.

Wenn man auf einer beliebigen Startseite des World Wide Web mit dem Mauszeiger auf einen (meist blau) gekennzeichneten Begriff (oder auf eine Begriffsgruppe) klickt, gelangt man über diesen elektronischen Querverweis (den Hyperlink) zu einem anderen Internetdokument, auf dem weitere Informationen zu diesem Begriff (bzw. zu dieser Begriffsgruppe) zu finden sind. Von diesem Internetdokument führen oft weitere Hyperlinks zu anderen Internetdokumenten, so dass sich die Struktur eines Netzes ergibt (siehe Internet), das zu einer individuellen Informationssuche einlädt.

Man kann allerdings auch einen Hypertext produzieren und lesen, ohne ihn ins World Wide Web stellen zu müssen.

Um detailliert zu veranschaulichen, was ein Hypertext ist und wie er zustande kommt, bietet es sich an, die Entstehung des  Hypertext-Projekts "It Happened on a Winter's Day" zu schildern.

Ausgehend von John Nists Gedicht "Revolution: The Vicious Circle" schrieben die Schülerinnen und Schüler meines Englischkurses die Geschichte "It Happened on a Winter’s Day", die sie in die Zeit der Februarrevolution 1917 in St. Petersburg legten.

Als Vorarbeit dazu mussten sich die Schüler eine Reihe von Informationen beschaffen. So beschäftigten sie sich mit der Geschichte Russlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts (The historical background), sie benötigten geographische Kenntnisse über die Stadt St. Petersburg (z.B. Nevsky Prospect) und ihre Umgebung (z.B. The Vyborg District), sie studierten die politischen Verhältnisse jener Zeit (z.B. Bolshevism), sie beschafften sich Informationen über die Personen der Zeitgeschichte, die sie in ihrer Geschichte agieren ließen (z.B. General Chabalov), sie mussten die Biographien, Charakterzüge und Aussehen der Hauptcharaktere der Geschichte entwerfen (z.B. Mikhail Alexandrovich Rostov) und schließlich informierten sie sich auch über landeskundliche Aspekte (z.B. Blini).

Nach der Beschaffung dieser Informationen und nach der Erarbeitung der inhaltlichen Struktur der Geschichte konnte die eigentliche Arbeit an der Textproduktion beginnen. Am Ende dieses Prozesses stand unsere Geschichte, die eingebettet war in ein Netzwerk von Informationen, es entstand ein Hypertext. Dieser Hypertext spiegelt den Arbeitsprozess in umgekehrter Form wieder, indem von der Geschichte aus auf die vielfältigen Sachaspekte, die zu ihrem Verständnis notwendig sind, verwiesen wird.

Die Erarbeitung eines Hypertextes kann sich in vielfältiger Form positiv auf den Lernprozess auswirken.

So weist Birgit Conrad in ihrer bemerkenswerten Arbeit "Hypertext&Unterricht" darauf hin, dass die Erstellung von Hypertexten durch Lernende dazu beitragen kann, dass ihnen "wesentliche Aspekte eines Lerngegenstandes in ihren vielschichtigen Verflechtungen und Zuordnungen deutlich werden" (http://www.englisch.schule.de/hyper/begriff/hypertext.htm).

Dies bedeutet, dass sich dem Lernenden dadurch die inhaltliche Struktur und Systematik eines Lerngegenstandes in besonderer Weise erschließen kann, d.h. die Erarbeitung eines Hypertextes als Form vernetzten Lernens (vgl. Reinhard Donath (Hrsg.), Andreas Borrmann/Rainer Gerdzen: Vernetzes Lernen – Hypertexte, Homepages & ... . Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1998, S. 4) kann ein Lernort für die Entwicklung vernetzten Denkens sein.

Die Erstellung eines Hypertextes vereinigt in idealer Weise wissenschaftspropädeutisches Arbeiten mit Handlungsorientierung. Das bei der Informationsbeschaffung notwendige Quellenstudium und das Prüfen der Authentizität und Validität von Informationen sind nur zwei Aspekte wissenschaftsorientierter Beschäftigung, die selbständige Verarbeitung der gewonnenen Informationen und die anschließende Textproduktion Elemente handlungspropädeutischen Arbeitens.

Die Erstellung eines Hypertextes erfordert zu gleichen Teilen analytisches und integratives Denken und kann diese kognitiven Fähigkeiten fördern. Der Lernende muss einen Lerngegenstand in seine Einzelaspekte zerlegen, sie gleichsam ‘sezieren’, und diese Einzelaspekte inhaltlich erarbeiten (Analyse), um sie dann wieder zusammenzufügen, indem er sie in einem systematischen Beziehungsgeflecht anordnet und darstellt (Integration).

Darüber hinaus zwingt die Arbeit an einem Hypertext-Projekt die Schüler geradezu zu kooperativem Handeln und kann so zur Förderung von Teamfähigkeit führen. Die beteiligten Arbeitsgruppen müssen Absprachen treffen, sie können allerdings auch von der Arbeit der anderen Arbeitsgruppen profitieren, deren Arbeit aber gleichzeitig selbst auch bereichern.

Gerade im Fremdsprachenunterricht können Hypertext-Projekte vielfältige Anlässe für wirkliches Sprachhandeln bieten, indem der Lernende ‘aus eigenem Antrieb’ und mit einem von ihm mit definierten Ziel fremdsprachliche Texte verarbeitet und seinerseits selbst produziert.

Hypertext-Projekte können aber auch sinnvolle Anlässe für fächerübergreifendes Arbeiten darstellen, da sie in der Regel die Grenzen eines Faches überschreiten und die Beschäftigung mit Fragestellungen anderer Fächer erfordern.